Mehr Binsenweisheiten

Auf der Suche nach Erleuchtung voerst gescheitert, obwohl ich früh aufgestanden bin, um nicht als zu spät Gekommener vom Leben bestraft zu werden, nehme ich die Straßenbahn nachhause, der luftige Komfort eines kühlen Vormittags verwandelt sich langsam in Mittagshitze. Ich rechne nicht mehr mit allzuviel Andrang beim Torbogen, aber wie war das mit den Binsenweisheiten? Vielleicht sollte man die eigene Natur positiv annehmen, anstatt jemand werden zu wollen, der man nicht ist – Frühaufsteher, Oberchecker, die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

film_0101_032 Mehr Sonntag geht nicht

Wie gesagt, es ist heiß geworden, weswegen ich die Straßenbahn ins Zentrum nehme, auch um mir die Kräfte für den verbleibenden Tag ökonomisch einzuteilen. Zwar gefällt mir der Gedanke, dass der Weg das Ziel ist, aber diesen muss man nicht umbedingt um jeden Preis zu Fuß begehen.

 

film 0101 038 Diese Treppe führt zum Torbogen

Es ist auch so noch ein steiler Anstieg bis zum Ziel, zumindest für Flachländer wie mich.

 

film 0101 02 Hier wird des angeblichen Wunders von 1731 gedacht, als ein Feuer große Teile des Steintors in der Oberstadt vernichtete. Nur ein Marienbild soll unversehrt geblieben sein.

Wieder angekommen ist meine Überraschung groß, als auch am Nachmittag viele Menschen am Feueraltar vorbei defilieren, um mir zuliebe für spannende Lichtverhältnisse zu sorgen. Jetzt bin ich froh, dass ich aufgrund der Probleme mit der CLE auf die Leica umgestiegen bin, denn deren Belichtungsmesser ist unter solchen Bedingungen das Nonplusultra.

 

film 0101 05 Die Erleuchtung wird mir doch noch zuteil

Das Steintor von dem ich immer schreibe ist übrigens das einzig erhaltene von vier solchen Stadtoren, die Teil einer Befestigungsanlage waren. 1731 wurde es von einem Feuer fast zur Gänze vernichtet, das der Legende nach nur ein Marienbild überstanden haben soll. Dieses Bild steht jetzt auf einem Rokoko-Altar, was mir aber entgangen ist. Mich zieht es wie die Motte zum Licht, zumindest wenn es ums Fotografieren geht. Sonst sind mir dunkle Etablisements auch nicht unsympathisch.

 

film 0101 039 Trg Svetog Marka

Vom Torbogen weiter bergauf gelangt man zum Markusplatz (Trg Svetog Marka), der vom Rathaus, dem kroatischen Parlament und einer Kirche umgeben ist.

 

film 0101 041 Was für ein Sonntag

Es ist schon bezeichnend, dass sich mir in Kroatien religiöse Symbole und Orte geradezu aufdrängen. Was Wien betrifft könnte ich von nichts Vergleichbarem berichten, wie Straßenbahnfahrer, die sich beim Passieren der Kirche bekreuzigen, oder der Neigung von Taxifahrern ihre Armarturenbretter mit Heiligenbildern zu schmücken, aber naturgemäß ist der Blick von Innen immer ein anderer als der von Außen. Die Religion spielt im öffentlichen Raum von Kroatien jedenfalls eine prominentere Rolle als in Wien. Vielleicht auch im Privaten, aber um darüber halbwegs gültige Aussagen treffen zu können, bedürfte es weit mehr an Erfahrungen und breiterer Stichproben. Zwar werde ich später drei junge Menschen kennen lernen, die ein spannendes Verhältnis zur Religion pflegen, aber das sind eben drei und nicht dreihundert.

 

film 0101 06 Das große Buch am Tisch ist eine Luxusausgabe Des Buches

Diesen Sonntag lasse ich in einem Café in der Ulica Pavla Radica ausklingen – oder weiter plätschern. Ich habe schließlich nichts gegen ein wenig (oder viel) Opportunismus, der nötig ist, um als Atheist die Ruhe eines Feiertags positiv anzunehmen. Aber nur scheinbar. Es ist eine Verwirrung unserer Zeit bzw. einer dieser vermeintlichen Widersprüche, dass man auf chritsliche Feiertage als Refugium von der alles durchdringenden Hektik der kapitalistischen Verwertungsmaschine angewiesen ist. So als ob man sich in der Opposition zu religiöser Einmischung in alle öffentlichen und privaten Angelegenheiten automatisch voll und ganz dem ökonomischen Zugriff öffnen müsste. Also beten oder arbeiten? Weder noch, natürlich!

 

[[[ Übersicht: Osijek-Zagreb-Varazdin Beiträge]]]