Tag der offenen Tür
Mit Snježana beim Herrenfriseur
Budimir und Tihomir in der Tvrđa kennen zu lernen war schon ein sehr guter Anfang für den ersten Tag. Genau genommen ist das aber eine Untertreibung in zweierlei Hinsicht: erstens habe ich den ersten Tag mit Zugfahren, dem Suchen einer Unterkunft (bei der mir auch Snježana behilflich gewesen ist), einem kleinen Spaziergang durch Osijek und einem Pivo im letzten Sonnenlicht an der Drawa verbracht. Also ist es streng genommen der zweite Tag. Zweitens war die Begegnung mit den Kunstarbeitern ein phantastischer Anfang für diese (für jede) Reise. Dennoch sollte ich am selben Tag noch eine kleine Zugabe bekommen (wenn ich mehr auf auf ein künstlerisches Image hielte hätte ich jetzt gesagt, der Tag sollte sich nochmal an das Ereignisklavier setzen um ein Encore zu geben – so ähnlich letztens auf Ö1 gehört).


Ich treffe mich mit Snježana wieder nahe dem Bahnhof, und bin – sofern ich mich richtig erinnere – mit dem Taxi zurückgefahren. Denn in Osijek werden Taxifahrten pauschal mit 13 Kuna verrechnet, das entspricht ungefähr 2 EUROirgendwas. Zum Glück hat mir das während der OE Tage niemand von den dutzenden Ortskundigen erzählt, sonst wäre ich womöglich noch mit dem Taxi die 50 Meter vom Hotel Osijek rüber zum Trica gefahren. (Anm.: das wäre ich natürlich nicht, ich will nur dezent kritisch hinterfragen, warum niemand mit solch vitalen Informationen herausrückt, man stattdessen aber herumeiert, wie man wohl vom Kino zum Tufna und vor allem wieder unbeschadet nachhause kommt!) Wie dem auch sei, Snježana und ich stellen fest, dass man an einem Tag eben nur so viel machen kann und ich ausserdem ohnehin schon mehr als zufrieden bin. Aber sie möchte mir unbedingt noch den einzigen Herrenfriseur in Osijek zeigen bzw. vorstellen und auch ihn fragen, ob er sich im Laden von mir fotografieren lässt. Die Sache mit den offenen Türen erwähnte ich schon im letzten Beitrag, das Thema findet hier seine Fortsetzung, denn er und sein Kunde haben gar nichts dagegen. Allerdings ist letzterer neugierig darüber, was mich so sehr an den beiden interessiert dass ich sie fotografiere, worauf der Friseur antwortet, dass es sicher nicht ihrer beider Schönheit sein könne, denn wenn es mir um Schönheit ginge, müsste ich “das Mädchen” fotografieren. Das habe ich schon, und außerdem bin ich ziemlich sicher, dass auf diese Bilder besonders die Analogie mit dem guten Wein zutreffen wird. Vielleicht nicht so promiment, aber dennoch.
Rohrbruch, Filmriß und Ausblick
Danach erzählt mir Snježana bei einem Kaffee, auf den wir wegen eines Wasserrohrbruchs in der Straße ziemlich lange warten müssen, dass es im Industrieviertel Osijeks auf der anderen Seite des Bahnhofs ein Haus namens Dvorac Mačkamama (Villa Katzenmama) gibt, das eine lange Geschichte hat und das ich leicht mit der Straßenbahn erreichen könnte, wenn ich bei gleichnamiger Station aussteige. Der Name kommt von Paulina Hermanns liebevollem Spitznamen, die vor der Vergesellschaftung nach dem zweiten Weltkrieg als Besitzerin dort viele Katzen gehalten hat. Für den nächsten Tag hatte ich zwar geplant die Künstler in der Tvrđa zu fotografieren, aber sollte dann noch Zeit bleiben wäre eine Besuch bei Mačkamamas Erbe eine Möglichkeit. Eine neue Umgebung ist immer etwas Gutes.

Da Snježana ihren Zug erreichen muss und der Chef vermutlich wegen des Rohrbruchs nicht zum Kassieren da ist, bleibe ich sitzen und warte. Beim Begleichen der Rechnung fällt mir dann auf, dass ich ziemlich transparent geworden sein muss, da ich nun ohne Begleitung bin. Denn so bemüht, wenn nicht schon aufdringlich der Wirt war, uns vom Rohrbruch und anderem zu erzählen, so bemüht ist er jetzt mich möglichst nicht zu sehen. Apropos durchsichtig: bevor ich überhaupt neue Wege beschreiten oder um die nächste Ecke schauen kann, muss ich den Film aus meiner CLE nehmen lassen, der beim Zurückspulen im Artelier stecken geblieben ist – aus welchem Grund auch immer. Diesem Mißgeschick verdanken wir, dass es nur ein Foto von Snježana gibt, und deswegen sind einige Fotos von Budimir und Tihomir sowie alle vom Friseur digital aufgenommen. Zum Glück hatte ich die RD-1 als Ersatzkamera im Gepäck, eine der besten Digitalkameras, die man – leider nur noch gebraucht – kaufen kann, die das M(esssucher)-feeling auch digital ermöglicht. Also gehe ich in einen Fotoladen in der Nähe und versuche dort auf Englisch meine Misere zu erklären. Der Mann im Laden ist äußerst nett und hilfsbereit, er nimmt den Film in der Dunkelkammer aus der Kamera und gibt ihn mir in einem opaken Filmkanister. Ich bekomme allerdings zum zweiten mal weiche Knie (das erste mal durch die Feststellung, dass der Film hängen geblieben war) als ich einen zweiten Kanister bekomme und frage, was sich in diesem befinde, worauf er mir erklärt, dass er den Film ganz links abgeschnitten hat, damit auch kein Frame verloren gehe. Ich habe es also nicht geschafft klar zu machen, dass der ganze Film belichtet und schon teilweise zurückgespult ist. Nun ahne ich schon dass es entweder von den Künstlern oder von Snježana nicht viele Bilder geben wird. Einzig die Schnappschüsse am Filmanfang sind in Sicherheit, aber das ist Murphy’s Law in Aktion.
Zum Glück wird dieser Teil des Universums nicht nur von Murphy’s Law regiert (der Mann im Fotoladen hätte den vermeintlich unbelichteten Streifen auch wegwerfen können), sondern es gibt auch – wie ich am nächsten Tag sehen werde – die wegweisende Macht von schwarzen sich am heissen Asphalt sonnenden Osijeker Katzen, gleichsam Embleme der bevorstehenden Nacht und Fanale des hochprozentigen Niedergangs.

