Gestern – Heute – Morgen
OT: All Good Things
…ist nicht nur der Titel einer der besten Startrek TNG Episoden, sondern meint auch, dass ich jetzt erzähle, wo ich aus Sicht des vergangenen Tages am Abend zuvor gewesen bin und was am Morgen danach passiert ist. Oder anders gesagt: Es gibt noch ein paar Bilder von Osijek, die sonst nirgends hinein passen.
Gestern
Laue Abende verbringt man in Osijek am besten an der Drava. Eventuell beginnt man mit einem Spaziergang, um den billigen Farbfilm auszuknipsen, anhand dessen die Funktionalität der Kamera überprüft werden kann (Schwarzweiss-Filme können schon lange nicht mehr in normalen Labors entwickelt werden). Die fünf Millionen Kratzer auf den Negativen haben nichts mit der Kamera zu tun, sondern sind der künstlerischen Freiheit der Labor-Angestellten zuzuschreiben, wie es in allen Fotolabors, auch den “besseren”, ganz üblich ist.
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Einen Nebel, der über dem Fluß schwebend sich in Richtung Brücke zu bewegen, dafür aber an meinem Ufer zu vermehren schien, hatte ich an diesem Abend am wenigsten erwartet. Dazu war ein ziemlich lautes Knattern wie von einem kleinen Flugzeug zu vernehmen, dass abwechselnd lauter und leiser wurde. Hoffentlich keine tödliche Wolke?
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Ein paar Schritte weiter und mit immer rarer und schöner werdendem Licht fügten sich meine Synapsen langsam zusammen und erinnerten mich an das, was mir Angelika schon einmal erzählt hatte: Dass gegen die sommerliche Gelsenplage ebenso brachial wie effektiv mit dem Dieselhammer vorgegangen wird. Oft können Worte aber schwer beschreiben, was sich dann tatsächlich abspielt. Ich hoffte, dass die röhrende Dieselgelse noch eine Runde drehen würde, jetzt da vom giftigen Dunst zu wenig übrig geblieben war, als dass er mit der Abenddämmerung ein luminöses Liebesspiel hätte veranstalten können. (Size does matter.)
Tatsächlich donnerte das Gefährt am gegenüberliegenden Ufer wieder herauf und zog einen stinkenden Rauchkegel hinter sich her. Wie gut, dass meine Kamera ausnahmsweise mit Farbfilm bestückt war.
Jetzt konnte ich in einem der vielen Cafés an der Promenade mein Gute-Nacht-Bier einnehmen, ohne von einer einzigen Gelse gestochen zu werden. Allerdings wäre es ganz folgerichtig gewesen, in anbetracht der allgemeinen Luftqualität das Nichtrauchen gleich an Ort und Stelle aufzugeben.
Ich glaube auf dem Nachhauseweg war der Farbfilm schon aus, und ich habe wieder einen APX 400 eingelegt; weil ich ihn so liebe.
Heute
Umgekehrte Photonen-Cluster, in die Zukunft projiziert, werden auf die Entstehung einer Gips-Anomalie in der Vergangenheit hinweisen. Wie das funktioniert? Sehr gut, danke der Nachfrage.
Morgen
Morgens erfühle ich als erstes im Badezimmer, ob ich nächtens noch einen neuen Film in meine Kamera eingelegt habe, denn so genau kann ich mich nicht erinnern. Wahrscheinlich hat sich Captain Picard ähnlich gefühlt, wenn er sich plötzlich in einer anderen Zeit wieder fand – oder findet, oder finden wird? Dann muss ich mich nochmal über das Chaos in mir wundern, als sich herausstellt, dass ich die Rechnung für das Zimmer nicht mit Kreditkarte begleichen kann. Mittlerweile sollte ich solche Unpässlichkeiten schon eingeplant haben. Das bedeutet einen schnellen Spaziergang zum Bankomat, der sich vor dem Interspar befindet – und zurück. Die Minuten des jungen Tages verstreichen schneller als mir lieb ist. Wenigstens ist der Bankomat nicht all zu weit weg und nicht ausser Betrieb.
Unterbelichtung, auf Film oder geistig kann mitunter zu interessanten Ergebnissen führen. Roy De Carava zum Beispiel hat aus der Verwendung der dunkleren Zonen einen eigenen Stil entwickelt. Ich habe bloß Glück, als ich auf dem Rückweg vom Bankomat am Friedhof vorbei gehe. Mir sind nämlich schon einige Male die Frauen aufgefallen, die vor den Friedhofsmauern Blumen verkaufen und für mich schwer zu fotografieren sind, weil sie meistens ganz einsam nach Kundschaft ausschau halten und dabei naturgemäß jede Person registrieren, die sich nähert. Ich hätte zwar gern eine fotografiert, aber nicht so. Diesmal jedoch spricht mich die Blumenfrau, an der ich – zwar etwas in Eile – vorbei gehe, auf Deutsch an. Sie fragt, woher ich komme, was ich hier mache und so weiter. Wir plaudern ein bisschen; Jelena hat früher in Deutschland bei Siemens gearbeitet und hat einen Sohn, der nach Deutschland oder Österreich gehen möchte um dort zu arbeiten. Ich gebe ihr eine Visitenkarte und bitte sie um ein Foto.
Zum Glück hatte ich vorhin die Kellnerin gebeten mir eines dieser Flatrate-Taxis zu bestellen. Den temporalen Bleigürtel, den ich bei Jelena kurz abgeschnallt habe, muss ich jetzt wieder anlegen und zum Busbahnhof mitnehmen. Der Taxifahrer öffnet mir wieder die Tür, was mir eigentlich unangenehm ist. Als ich ihn darauf anspreche erklärt er mir, dass er und seine Kollegen zwar wenig verdienen, dafür aber von ihren Herren zu dieser unzeitgemäßen Geste der Dienstbarkeit angehalten werden, deren Verweigerung bei stichprobenartigen Kontrollen aufgedeckt und mit Lohnentzug geahndet werden kann. Flatrates, dressierte Arbeiter und katholische Devotionalien auf Armaturenbrettern – das ist Musik in so manchem Ohr.
Auf dem Busbahnhof bleiben mir entgegen meiner Erwartung noch ein paar Minuten, ehe ich endlich im Bus nach Zagreb sitze.
