Wie geht es weiter?

Mit dem was chronologisch als nächstes kommt. Ich habe nämlich festgestellt, dass die Präsentationsform als Beitragsreihe mit Fotos, also Fotoessays wenn man so will, mein Erleben am besten widerspiegelt, und ich möchte diese Perspektive all jenen vermitteln, die Teil dieser Reise waren, aber auch allen LeserInnen und BetrachterInnen, die nicht dabei gewesen sind. Auch wenn es später eine Ausstellung (in Osijek und/oder Zagreb) geben wird , aus einer kleinen Auswahl an Bildern bestehend, so gefällt mir die Idee eines umfassenden, ausschweifenderen Journals außerordentlich gut.

Eine kleine Stadtführung

Habe ich schon erwähnt, dass ich ursprünglich direkt nach Zagreb fahren wollte, Snježana mir aber in letzter Minute angeboten hat mich ein bisschen in Osijek herumzuführen? Darum fahre ich dann doch nach Osijek und es sollte sich lohnen. Wir treffen uns morgens am Bahnhof und sie zeigt mir ihre Wohnung, die sich in einem Haus neben dem Bahnhof befindet. In diesem Haus hat angeblich der erste homesexuelle Eisenbahner Osijeks, der sich zu seiner Sexualität bekannte, gewohnt. Ich weiss nicht genau wann das war, aber in Osijek dürfte das bis heute eine mutige Entscheidung sein. Zumindest hat mich jemand damals davor gewarnt im Osijeker Nachtleben Zweifeln an meiner sexuellen Orientierung Raum zu lassen. Was ich gar nicht vorhatte, aber ich musste doch erklären, dass der darkroom aus dem ich Angelika kenne völlig keusch ist und ausschließlich der Entwicklung von fotografischem Material dient. Also dunkel ist er, und mitunter von schummrigem Rotlicht erhellt bzw. weniger dunkel, aber sonst auch schon nichts. Und im übrigen darf man als aufgeklärter Großstadtbewohner wohl eine Schwulensauna um 5 Uhr früh bloß wegen eines Schlummertrunks und dem allgemeinen Interesse an der conditio humana besuchen, nur nicht überall und immer davon erzählen – so scheint es zumindest.

Kunst und Arbeit

Zum Glück ist unser Espresso dupli ums Eck weniger kompliziert, sowie die Planung für den Tag. Wir beschließen die Arteliers in der Tvrđa zu besuchen, obwohl Nikola, der Bildhauer den Snježana kennt und der dort arbeitet – wie viele Osijeker – gerade nicht in Osijek ist. Für Fotografen ist ja bekanntlich schlechtes Wetter gutes Wetter, und vielleicht sind auch schlechte (sprich ungünstige) Zeiten gute Zeiten, außerdem kann man nie wissen. Zum Beispiel ob die zwei Herren im Hof vor den Arteliers an einem Kunstwerk oder einem Brunnen oder beidem arbeiten. Und ob man da einfach durch eine der offenen Türen spazieren und fragen soll, ob man sich umsehen und vielleicht ein paar Fotos machen darf. Man darf, zumindest wenn man Snježana vorschickt, bzw. sie so freundlich ist den Menschen zu erklären welches Vorhaben den Wiener um diese Jahreszeit nach Osijek treibt. Das ist mir zu dem Zeitpunkt vielleicht selbst nicht zur Gänze klar. Aber offene Türen sind schon ein guter Anfang, und eine solche durchschreite ich als mir Budimir ein Gespräch mit Fotos anbietet, sollte ich 45 Minuten später wiederkommen. Das wäre dann schon das dritte Mal dass ich hier bin, denke ich, denn irgendwie kommt mir das Atelier von früher bekannt vor. Budimir ist Maler und arbeitet an seiner Diplomarbeit, er zeigt mir ein paar seiner Werke aus dieser Serie – Symbole von Hinweisschildern wie sie auf Baustellen verwendet werden mit dazu asynchronen Unterschriften in Lautschrift, wie zum Beispiel “eat shit”. Für ein Künstlerportrait nehmen wir allerdings ein plakativeres Werk.

Als ich nach einem Spaziergang mit Snježana wiederkomme, ist Budimir nicht mehr allein. Tihomir ist Bildhauer und bereitet gerade Metallstücke vor, um später eine Skulptur einzugipsen.  Nachdem Budimir und ich uns eine Zeit lang ganz entspannt unterhalten, kommt auch Tihomir auf eine Zigaretten- und Bierpause hinzu und beginnt ein bisschen von sich zu erzählen. Neben seiner Tätigkeit als Vortragender an der Kunstuni plant er ein Projekt mit Fotomontagen, die Plätze in kroatischen Städten mit Denkmälern aus anderen Metropolen zeigen, Metropolen die historisch mit Kroatien verbunden sind. So habe ich das zumindest verstanden und darf dabei vielleicht sogar behilflich sein, indem ich Fotos aus Wien liefere. Bleibt nur zu hoffen, dass Tihomir ähnlich gemächlich wie ich arbeitet, andernfalls könnte es schon zu spät sein. Budimir plant auch ein interessantes Projekt, nämlich Einschusslöcher aus dem Krieg an osijeker Mauern zu fotografieren und diese Fotos auf Mauern in anderen Städten zu kleben. Das ganze unter dem Titel “Homesick”. Dem ist wohl nichts hinzuzufügen, und das meine ich durch und durch positiv.

Comrade Artist Workers

Bei der oben erwähnten Lehrtätigkeit und dem daneben stattfindenden Projekt bereitete mir die implizit wertende Verwendung des Wortes neben ein bisschen Unbehagen. Ich ließ den Satz aber so stehen, weil er mir nun die Möglichkeit zur Überleitung bietet: Zwar ist eine dem eigenen Metier nahe Lehrtätigkeit für jeden Künstler und jede Künstlerin in der Regel ein Segen, aber zuerst eine dem altbekannten Verwertungszwang geschuldete Notwendigkeit. Als positiver Nebeneffekt kann sich gegebenenfalls das geistig und kreativ fruchtbare Umfeld von Studierenden und KollegInnen erweisen, aber als Wirkung und nicht als Ursache. Hier stehen einander der Begriff der Arbeit und jener der Kunst gegenüber, wobei es große Flächen der Überschneidung und Stellen des Ineinanderfließens gibt, und man bei der Arbeit zuerst definieren müsste ob man von Lohnarbeit oder einem weiter gefassten Begriff spricht. Wie dem auch sei, Budimir und Tichomir haben verbal die Dichotomie von Arbeit und Kunst ganz wunderbar und unkompliziert in die Eigendefinition als comrade-artist-workers gegossen; die Gegensätze werden mit Bier hinuntergespült und im Zigarettenrauch aufgelöst. Da es im sogenannten realsozialistischen Jugoslawien keine Künstler als solche zu geben hatte, trugen diese Popanze offiziell eben jene Berufsbezeichnung, die ganz nonchalant vereint was dem realkapitalistisch Gebeutelten nicht zusammengehen will. Denn natürlich hat es auch im Kapitalismus keine Künstler zu geben, aber es braucht kein Dekret dafür, was der Sachzwang schon längst erledigt hat.

Türen bleiben offen

Nachdem ich schon einige Fotos gemacht hatte und fast im Aufbruch begriffen bin, fragen mich die beiden ob ich am nächsten Tag schon etwas vor hätte, denn sie würden die Skulptur eingipsen und ich könnte dabei sein. Ganz zufällig hatte ich noch keine Pläne für den kommenden Vormittag und verließ die Tvrđa mit der Vorfreude die Genossen Kunstarbeiter in Aktion fotografieren zu dürfen, einem guten Gefühl und einem leichten Schwips.

[[[ Übersicht: Osijek-Zagreb-Varazdin Beiträge ]]]