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1987 war Maniac Mansion Schauplatz von unheimlichen Vorgängen und virutellen Abenteuern auf dem legendären C64 und später anderen Plattformen. Damit diese Abenteuer auf unterschiedlichen Computersystemen gespielt werden konnten, entwickelte Lucas Arts die SCUMM Engine, die Spielabläufe als Script abstrahiert und somit vom spezifischen System unabhängig macht. 2010 ist Dvorac Mačkamama Schauplatz einer neuen Episode meines Kroatien Quests. Damit solche Episoden von AkteurInnen mit unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen erlebt werden können, haben Menschen nonverbale oder halb verbale Formen der Kommunikation von der Sprache abstrahiert. Nennen wir das SLIG (Super Linguistic Intercultural Gestures).

Aber um diese Episode genau jetzt zu erzählen, muss ich den schon angekündigten chronologischen Fluß unterbrechen und einen halben Tag überspringen. Denn eigentlich käme hier die Geschichte von den Kunstarbeitern, die eine Skulptur eingispen, aber diese rollt mit Pathos und Hoffnung einer oft zitierten biblischen Prophezeihung ans Ende der Reihe, weil mir das Werk bis jetzt in der Tonart Kunstarbeiter erklingt, zu der es am Schluß zurück kommen muss. Nicht dass ich von Musik auf diesem Niveau (oder irgendeinem) Ahnung hätte, es ist bloß wieder einmal der sprichwörtliche Hund aus jenem Dorf, der so wohlklingend bellt.

Ich knüpfe am besten gleich an einen Satz aus dem letzten Beitrag an:

Für den nächsten Tag hatte ich zwar geplant die Künstler in der Tvrđa zu fotografieren, aber sollte dann noch Zeit bleiben wäre ein Besuch bei Mačkamamas Erbe eine Möglichkeit. Eine neue Umgebung ist immer etwas Gutes.

So soll es sein, aber vorher informiere ich mich am Busbahnhof (der sich direkt neben dem Bahnhof befindet) über die Fahrzeiten der Busse nach Zagreb. Zu meiner Freude gehen Busse um acht, zehn und zwölf Uhr, im Gegensatz zum Zug, der zweiundzwanzig Minuten nach fünf Uhr morgens fährt. Allein beim Schreiben dieser Zeitangabe läuft es mir kalt über den Rücken. Aber da das jetzt erledigt ist, kann ich mich endlich Richtung Industrieviertel bewegen und benutze als erstes die verglaste Fußgängerbrücke, die über die Gleisanlagen des Bahnhofs führt und ansonsten einen ästhetischen Kontrast zum verfallenden Bahnhof selbst bildet. Was hier als Spaziergang beginnt sollte sich bald wie eine alternative Realität anfühlen, remeniszent an alte adventure games.

Aber vorerst befinde ich mich noch diesseits der Imagination, wohl aber jenseits der Brücke, mitten in einer Wohngegend, von Einfamilienhäusern gesäumten menschenleeren Strassen. Ich behalte im Hinterkopf, dass ich später vielleicht doch noch ein bisschen Street in Osijek fotografieren kann, auf jener Seite der Brücke aber, nicht auf dieser. Also beschließe ich, eine Runde zu gehen, dort vorne links, nochmal links und dann zurück. Dass ich nicht nach rechts gehen würde war doch klar?! Doch jetzt beginnt es schon mystisch zu werden, ja tatsächlich fühle ich mich irgendwie gezogen, oder sind es Myriaden von mehr oder minder zufälligen Mikroentscheidungen im Gehirn, ich gehe doch nach rechts, weil sich dort auf einer dieser langen Wohnstraßen zwei schwarze Katzen in der Nachmittagssonne drapiert haben. Ich bin noch ziemlich weit weg und fummle das 90er allein schon deswegen aus meinem Rucksack, damit es hier seine Existenzberechtigung begründen kann. Im allgmeinen weiss ich mit langen Brennweiten nicht viel anzufangen, und gerade letztens ist mir das 28er sogar vor dem 40er die liebere Wahl. Diese Öffnung des Blickwinkels, die sich technisch in kürzer werdenden Brennweiten niederschlägt, kann auch als Indiz für eine mir gewährte Intimität gelten. Eine von Menschen gewährte, sollte ich hinzufügen, die Katzen bemerken mich natürlich und zeigen gemischte Reaktionen, eine verlässt sogar ihren sonnigen Platz, und ich bekomme nicht was ich wollte, aber von Katzen war das nicht anders zu erwarten.

Jetzt bin ich fast schon am Ende dieser langen Straße und glaube in der Querstraße vor mir die Straßenbahn gesehen zu haben. Da Dvorac Mačkamama an einer Straßenbahnhaltestelle liegen soll und Osijek nicht so groß ist, kann ich eigentlich nicht mehr weit weg sein, so folgert zumindest meine nicht mehr ganz so rationale Ratio, deren Existenz ich im übrigen zumindest anzweifle. Ich beschließe dieser Route – geistig und physisch – zu folgen und gelange an einen Kreisverkehr, an dem ich nicht mehr so recht weiter weiß. Ich gehe ein bisschen hin und her um die Umgebung einzusaugen, da rumpelt und poltert es ganz vertraut. Es ist einer dieser zukünfitgen Leistungsträger auf seinem Kindergeländewagen, die mich jenseits der Brücke schon wiederholt genervt haben. Wer später ein guter Kapitalist sein will, übt sich am besten schon ganz früh. Die engen Gehsteige des Wohnviertels eignen sich hervorragend um Verdrängungswettbewerb zu spielen, während die Eltern oder Großeltern dämlich grinsend zuschauen, wie Junior unterprivilegierten VerkehrsteilnehmerInnen über die Zehen tuckert. So erreicht der alles durchdringende Wahnsinn letztlich die ohnehin zu schmalen Gehsteige, der Spaziergang wird zum Spießroutenlauf zwischen shopping wifes in aufgeputschten SUVs und deren durchgeknallten Zukunftsinvestitionen auf rollenden Plastikkisten. Das muss der viel beschworene Fortschritt sein, der Glück und Wohlstand bringen wird.

Mein Fortschritt hingegen besteht darin, der Versuchung zu widerstehen und an dem netten Café vorbeizugehen, das zu meiner Linken vor dem Haus, das Dvorac Mačkamama sein könnte, so einladend in der späten Nachmittagssonne glänzt. Normalerweise wäre die Wahrscheinlichkeit keine kleine gewesen, dass ich im Café einen Kaffee einnehme, nicht aber diesmal, ich gehe den Fußweg entlang des Rasens hinauf, an den funkelnden Häferln und Gläsern vorbei, dorthin wo es eng und abgeschunden aussieht. Ich befinde mich in einem verwinkelten Areal, das eine Schule sein könnte, und verspüre den Drang weiter zu gehen, als würde mich etwas ziehen. Was auch immer mich hier her getrieben hat, die Vorsehung, diffuse Empfindungen oder feline Wegweiser, die Verblüffung und Rage über die kleinen Plagen auf ihren neoliberalen Streitwagen verblassen langsam am dunstigen Horizont der frischen Potentialitäten, die die nächsten Ecke verspricht, wenn man um sie blickt. Spätestens ab da fühle ich mich ein bisschen wie in einem dieser adventure games, in denen man auf einen verdächtigen Bildbereich klickt, um sich nach einem visuellen Übergangseffekt in einer neuen Szenerie wieder zu finden. Wo ist nur der Wegelagerer, Türsteher, Barmann oder Zuhälter, der auf eine von vier vorgefertigten Fragen einen mehr oder weniger nützlichen Hinweis gibt?

Meine Hoffnung auf Interessantes schwindet etwas als ich aus dem verwinkelten Gelände an eine unendlich lange Hauptstrasse komme, die mit ihrem überdimensionalen Bauhaus Werbeschild dort und glatten monotonen Industriehallen hier, wo man sich Fenster oder verspieltere Strukturen wünschen würde, die von einer Unterordnung ökonomischer und technischer Bedürfnisse unter menschliche anstatt umgekehrt zeugten, so stilsicher den Charme eines suburbanen Industrieviertels versprüht. Aber in Sekundenbruchteilen revidiere ich meine soeben gefällte Entscheidung zurück zu gehen und versuche den Mann, der einige Meter von mir entfernt vorübergeht, zu fragen, ob er Dvorac Mačkamama kennt. Ich zeige ihm die Notiz auf meinem Mobiltelefon (“Show note on handset to man…” [ENTER]), und er deutet ja, hier ist es, oder genauer: er zeigt zu den anderen drei Männern, die vor dem Haus, das eine Sportkantine sein könnte, straßenseitig an einem Tisch sitzen und Osječko trinken. Und übrigens: ja, mein Helfer und Hinweisgeber ist der Barmann. [Das war ein schönes Beispiel für Handlung, die auf SLIG läuft].

Dvorac Mackamama Fussballbar

Jetzt ergibt eines das andere, wie man so schön sagt, er nimmt mich zu den anderen mit, sagt nochmal, dass es hier ist, ich fotografiere die Gruppe mit der Fußballkatze im Hintergrund. Mačkamama ist auch ein Fußballklub in Osijek, der erste übrigens, der eine eigene Frauenmannschaft hatte. Die Herren auf der Veranda gehören alle mehr oder weniger dazu, Šime trägt die schwarze Katze als T-Shirt Aufdruck an seiner Brust.

Einer der Männer spricht Englisch und fragt mich, was ich in Osijek und vor allem hier mache und warum ich fotografiere. Ivans Englisch ist am Anfang nicht ganz geölt, genauso wenig wie meine Erklärungen. Es war auch 1982 als er mit Interrail durch Spanien und Griechenland gefahren ist und dabei die Sprache geübt hat. Sein Englisch wird mit Osječko geschmeidiger gemacht, meine Erklärungsversuche müssen vorerst mit türkischem Kaffee vorlieb nehmen, möchte ich doch dem Alkohol an diesem Tag wegen der bevorstehenden Busfahrt am nächsten entsagen, und ja, weil ich am Tag zuvor ein wenig zuviel hatte. Wohlwissend dass diese Verzögerungstaktik eben nur das ist und nicht lange funktionieren wird. So trinke ich dann doch einen großen Šljivovica, nachdem mich Bero darauf hingewiesen hat, dass es in Kroatien so etwas wie einen kleinen Šljivovica nicht gibt. Was soll ich machen, jetzt da überall von Integration die Rede und die Aufforderung zur Anpassung zum bedrohlichen Imperativ geworden ist, kann ich als Ausländer im Ausland nicht nachstehen. Živjeli!

Bero ist offensichtlich ein guter Freund von Ivan, obwohl sie einander mit liebevollen Beschimpfungen ihre gegenseitige Abneigung bekunden. Aber eine Umarmung sagt mehr als tausend Worte

Bero wurde 1964 in Zagreb geboren, einem Jahr das in seiner Emailadresse sowie im icq nickname vorkommt. Scheinbar ist er der Zahlentyp, denn von ihm kenne ich die meisten numerischen Fakten. Seine Mutter war damals eine 44-jährige Pianistin, die Familie lebte in der Tkalčića 14 in Zagreb. Dieses Haus mitsamt ihrem Klavier wurde später von den Partisanen enteignet. Der Großvater hatte 1925 in Wien Jus studiert. Ich sollte noch vielen Menschen begegnen, die einen Bezug zum deutschsprachigen Raum haben. Bero ist im Alter von fünf Jahren nach Osijek gekommen und verbringt hier seine Zeit nicht nur gerne mit Freunden bei der Mačkamama, sondern auch mit seinem getreuen zehn Jahre alten Toshiba Notebook im Internet.

Zwischendurch kommen auch andere Gäste vorbei, die aber nur kurz bleiben. Marko hingegen ist neben Bero und Ivan eine Konstante im Geschehen und scheint alles durch seine große getönte Brille zu beobachten. Er und Šime haben früher aktiv beim Fußballklub Mačkamama gespielt, und das ziemlich erfolgreich, wie die zahlreichen Urkunden, Pokale und Erinnerungsfotos an den Wänden des Lokals belegen.

Šime umd Marko vor vielen Erinnerungen

Die beiden lassen sich geduldig von mir fotografieren, ich habe überhaupt den Eindruck, dass ein bisschen Aufmerksamkeit von aussen ganz gut tut. Es gefällt mir, dass ich abseits der ausgetretenen Pfade meine Rolle als Tourist ein bisschen so spielen kann, dass Geben und Nehmen nicht zu sehr aus dem Gleichgewicht kommen.

Wenn etwas aus dem Gleichgewicht kommt, dann mit fortschreitender Stunde der Neuigkeitsgehalt unserer Konversation. Vor allem Bero beginnt sich langsam zu wiederholen, was von Ivan mit rollenden Augen quittiert wird, aber er kann das Ruder nochmal in die Hand nehmen, als wir ein bisschen ins Politische ausholen. Ivan war Soldat, bekommt jetzt eine Rente und erzählt mit einer Portion Sarkasmus und Selbstironie, dass er seit 25 Jahren hier her kommt um zu trinken, zu rauchen und ab und zu zu vögeln. Das sei dann auch das Geheimnis, wie man mit 47 noch ganz gut aussieht, oder in Beros Fall ohne Brille der Altersweitsichtigkeit entgegenwirken kann. Ivan ist dabei nicht entgangen, welche Bedeutung das weithin alles überragende Werbeschild am Horizont hat, und dass Fortschritt nicht mit Wohlstand für alle gleich zu setzen ist. Ich glaube, es ist das zweite Mal (es wird noch mehrere geben) da mir jemand von den geringen kroatischen Einkommen erzählt, die dazu führen, dass junge Leute möglichst lange bei ihren Eltern wohnen und sich wenn möglich als Selbstversorger ernähren, um das Gehalt für Luxusgüter verfügbar zu haben (oder um aus dem Nachwuchs ein ratterndes Plastikgeschwader der marktwirtschaftlichen Apokalypse zu machen).

Platiti molim - Zahlen bitte!

SLIG hat bis jetzt hervorragend funktioniert und wird immer besser. Vielleicht liegt das daran, dass die Dämmerung hereingebrochen und der eine oder andere Šljivovica nachgefüllt worden ist. Um in der Freak-Sprache zu bleiben, ich habe genug Items fürs Inventar gesammelt (latente Bilder auf Plastik und Silber, Notizen, Erinnerungen, gute Gefühle und eine Postadresse, an die ich ein paar Abzüge schicken werde), Ivan ist schon gegangen und ich trinke ein letztes Osječko mit Bero. Šime bringt mit der Rechnung auch die Erkenntnis, dass es nachwievor Orte gibt, an denen man guten Gewissens noch Eins bestellen kann, ohne gleich wieder bei den Eltern einziehen zu müssen. In einem Sog von Spendierfreude bestelle ich darum ein Taxi, das nicht viel teurer ist als ein Fahrschein für die Straßenbahn.

Zurück in der Pension trinke ich ein letztes Bier mit der Kellnerin, die mir bei dieser Gelegenheit versichert, dass sie am nächsten Morgen zum Auschecken und Zahlen da sein wird. Der Gastgarten ist schon leer gefegt, weswegen ich bei ihr und einem Mann am VIP-Tisch Platz genommen habe. Er scheint es ein bisschen eilig zu haben und verabschiedet sich bald äußerst höflich, fast schon subaltern, als müsste er sich dafür entschuldigen, dass er schon gehen muss. Er ist ein guter Freund von ihr, wie sie betont, der früh aufstehen muss, weil er in wenigen Stunden um fünf Uhr zweiundzwanzig den Zug von Osijek nach Zagreb lenken wird.

Fussgängerbrücke

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Dvorac Mačkamama